Erste Mitfahrt im Kia EV6 GT

31.05.2022 von Marcus Zacher

Taycan, aufgepasst!

800 Volt, 260 km/h Spitze und 3,5 Sekunden für den Null-Hundert-Sprint: Nein, wir reden hier nicht über Porsche, sondern über Kia. Was man der Marke vor kurzem nicht zugetraut hätte, rollt im Laufe des Jahres in die Showrooms. Erste Mitfahrt im Kia EV6 GT.

An Selbstbewusstsein mangelt es den erfolgsverwöhnten Koreanern inzwischen nicht mehr – oder wie erklärt sich, dass sich Kia mit Modellen wie dem EV6 nicht nur mit zahlreichen Premium-Wettbewerbern, sondern auch gleich mit Porsche anlegt? Klingt übertrieben? Dann lassen sie uns einmal ein Blick auf die nackten Zahlen werfen: 800 Volt, Allradantrieb mit 430 kW Leistung und 740 Newtonmeter Drehmoment, 3,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h und eine Spitze von 260 km/h. Das sind Eckwerte, die auch im Datenblatt eines ordentlich motorisierten Porsche Taycans stehen könnten, doch tatsächlich handelt es sich um die Daten von Kias stärksten Serienauto, dem EV6 GT.

Wolf im Schafspelz

Auf den ersten Blick unterscheidet sich der Kia EV6 GT kaum vom „normalen“ EV6 (Fahrbericht) mit GT-Line-Paket, mit dem Kia jeden EV6 auf Wunsch ausrüstet. Und auch auf den zweiten Blick fallen die Unterschiede marginal aus: Die speziellen Felgen dürfen einen Zoll mehr im Durchmesser haben, kommen so auf 21 Zoll. Die Bremsen wurden angepasst und messen vorne pizzatellergroße 38 Zentimeter, die von giftgrünen Bremssätteln in die Zange genommen werden. Profis erkennen noch den leicht abgeänderten Heckstoßfänger, aber das war es dann auch. Weitere Unterschiede, wie die beiden neuen, hochdrehenden Performance-Synchronmaschinen, sind mit bloßem Auge nicht auszumachen.

Dabei sind gerade die beiden E-Motoren der Grund, warum der Kia EV6 GT so schnell sprinten kann, wie ein Porsche Taycan und auch dessen Höchstgeschwindigkeit erreicht, ohne dafür einen zweiten Gang zu benötigen. Zumindest subjektiv spricht vieles dafür, dass der EV6 GT sein Leistungsversprechen einhalten kann, denn auf der Autobahn wird man mit voller Wucht in den Beifahrersitz gepresst, wenn der Kia mit Vollstrom beschleunigt.

Apropos Sitze: Auch im Innenraum beschränkt sich Kia nur auf wenige Details, um sich von den „Normalos“ abzuheben. Hier und da deutet ein GT-Signet auf das Topmodell hin, doch auffälliger sind die neongrünen Ziernähte und natürlich die herrlich ausgeformten Sportsitze, die etwas tiefer montiert sind und damit eine sportlichere Sitzposition erlauben. Und dann wäre da noch eine neue Taste am Lenkrad, die in ihrem ebenfalls neongrünen Farbton nur danach Schreit, gedrückt zu werden. Folgt der Fahrer dem unausgesprochenen Befehl, wird der GT-Fahrmodus aktiviert, der Fahrwerk, Lenkung, E-Motoren, Bremsen, Sperrdifferenzial und das ESP scharf stellt, um die Fahrdynamik zu maximieren.

Drift-Modus für die Rennstrecke

Wie sich das im Detail anfühlt, können wir im Beifahrersitz nur mutmaßen, doch die intuitiv viel zu schnell angegangen Kurven, in denen der EV6 GT jedoch liegt wie das mannigfaltig zitierte Brett, lassen Freudiges erahnen. Kia versteht das GT-Label offenbar nicht als Marketing-Gag, der EV6 muss dafür schon etwas leisten. Damit rückt er wieder sehr nahe an den Porsche Taycan heran, dessen Qualitäten sich bekanntlich nicht nur auf die Längsdynamik beschränken und der vor allem querdynamisch das derzeitige Nonplusultra der Elektro-Fraktion darstellt.

Und selbst für die Fahrer, die sich ab und an abseits öffentlicher Straßen mit ihrem Sportgerät fortbewegen, haben die Entwickler einen speziellen Drift-Modus in die Steuergeräte programmiert, bei dem das ESP Sendepause hat und die Kraftverteilung in Richtung Hinterachse verschoben wird. Da wir auf unserer Mitfahrt allerdings nur auf öffentlichem Straßen unterwegs waren, bleibt der Modus erst einmal ausgeschaltet, doch auch so fährt der EV6 GT mit einem Schlag ganz vorne in der Performance-Klasse unter den Elektroautos mit, wie unsere ersten Mitfahreindrücke erahnen lassen.

Und auch an der Ladesäule gehört der EV6 GT zu den schnellsten: Wenn die Randbedingungen – wie etwa die Batterietemperatur oder die Ladeleistung der Ladestation – stimmen, dann lässt sich die 77,4-kWh-Batterie in nur 18 Minuten von 10 auf 80 Prozent und mit einer Spitzenladeleistung von bis zu 240 kW wieder aufladen, wie Kia verspricht.

Der Preis ist heiß

Der Kia EV6 GT steht bereits für rund 66.000 Euro in der Preisliste (in Österreich 4.000 Euro teurer) und ist dann praktisch voll ausgestattet. Mit diesem Budget braucht man bei Porsche gar nicht erst anzuklopfen, der Basis-Taycan mit kleiner Batterie, Hinterradantrieb und in diesem Vergleich fast schon schwachbrüstigen 300 kW kostet mindestens 20.000 Euro mehr (in Österreich: 18.000 Euro) – und ist dann porschetypisch nur mit dem nötigsten ausgestattet. Damit der Taycan leistungstechnisch mithalten kann, muss es schon ein GTS-Modell sein, idealerweise als Sport Turismo, das erst bei 133.000 Euro startet (in Österreich: ab 136.000 Euro). Zwei Kia EV6 GT zum Preis von einem Taycan. Da kann man schon mal schwach werden…

Fotos: Kia

Technische Daten
Fahrzeugbezeichnung: Kia EV6 GT
Fahrzeugbeschreibung: fünfsitziger, fünftüriger Mittelklasse-Crossover
ANTRIEB
Bauart: 2 permanenterregte Synchronmaschinen, Allradantrieb
Leistung: 430 kW
Drehmoment: 740 Nm
BATTERIE & LADESTANDARD
Energieinhalt (brutto/netto): 77,4 kWh/—
Batteriegarantie: 7 Jahre oder 150.000 km
Garantierte Batteriekapazität: 70 %
Wärmemanagement: Flüssig-Thermalmanagement
Ladestandard AC: AC 11 kW 3p
Ladestandard DC: CCS 240 kW
Ladezeit AC 11-kW-Ladestation 10-100 %: ca. 7 h 20 min
Ladezeit DC 350-kW-Ladestation 10-80 %: ca. 18 min
FAHRLEISTUNGEN
Höchstgeschwindigkeit: 260 km/h
Beschleunigung (0-100 km/h): 3,5 s
REICHWEITE & VERBRAUCH
NEFZ:
EPA:
WLTP: 424 km
Verbrauch (WLTP): 20,6 kWh/100 km
ABMESSUNGEN & GEWICHT
Länge x Breite (ohne Spiegel) x Höhe: 4,695 m x 1,890 m x 1,545 m
Breite (mit Spiegel): 2,084 m
Radstand: 2,900 m
Gepäckraum: 480–1.260 l
Frunk: 20 l
Leergewicht: 2.260 kg
Anhängelast (gebremst/ungebremst): 1.600 kg/750 kg
cW-Wert: N/A
cW x A: N/A
PREIS & VERFÜGBARKEIT
Verfügbarkeit: Reservierungen möglich, Bestellungen voraussichtlich ab Q3/22 möglich
Deutschland: ab 65.990 €
Österreich: ab 69.990 €

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