Fahrbericht: Aiways U6

14.03.2024 von Vanessa Lisa Oelmann

Bezahlbarer Elektro-Lambo aus Fernost

Für das Elektroauto-Startup Aiways will es hierzulande noch nicht so recht klappen. Ein unkonventionelles Vertriebsmodell, das den Verkauf über den Elektronikfachhändler Euronics vorsah und mittlerweile wieder eingestellt wurde, hatte zur Markenbekanntheit nicht unbedingt beigetragen, und so wurden 2023 lediglich 50 Fahrzeuge in Deutschland zugelassen. Doch wieso hinkt die aufstrebende Marke ihren chinesischen Mitbewerbern dermaßen hinterher?

Die Optik des Aiways U6 erklärt die verhaltenen Zulassungszahlen jedenfalls nicht: Das sportlich designte SUV-Coupé zieht, wohl insbesondere durch die minzgrüne Lackierung unseres Testfahrzeugs, alle Blicke auf sich. Die bullige Front mit hochglanzschwarzen Zierelementen mogelt dem chinesischen Newcomer mindestens 200 imaginäre Pferdestärken hinzu – doch zu den Leistungsdaten später mehr.

Auffälliges dreifarbiges Interieur

So richtig los mit den verrückten Spielereien geht es im Innenraum. Hier erwartet uns ein ausgefallener Mix aus beigefarbenem, dunkelblauem und flamingorotem Leder und silbernen Aluminiumleisten mit integrierter Ambientebeleuchtung. Finden wir cool, ist aber nichts für schwache Nerven. Außergewöhnlich ist auch der Gangwahlschalter, dessen Design an den Schubhebel eines Flugzeugs erinnert. Ergonomisch gibt es hier weder einen Vor-, noch einen Nachteil, aber man fühlt sich beim Betätigen des kampfjetartigen Hebels jedes Mal wie Tom Cruise.

Hinter dem zweifarbig bezogenen Multifunktionslenkrad befindet sich ein schmales 8,2-Zoll-Display, das lediglich grundlegende Informationen wie Geschwindigkeit, SoC, Reichweite und die Uhrzeit anzeigt und sich nicht konfigurieren lässt. Auf ein Head-Up-Display hat Aiways verzichtet. Nahezu alle Funktionen werden über den zentralen 14,6-Zoll-Touchscreen gesteuert, dessen Bedienung allerdings aufgrund diverser Softwareproblemchen teils schwierig bleibt. Während unseres zweiwöchigen Testzeitraums fror das Display zweimal vollständig ein und konnte erst nach einem Neustart des Fahrzeugs wieder normal bedient werden. Auch zu Apple CarPlay und Android Auto gab es immer wieder Verbindungsschwierigkeiten – höchst unvorteilhaft, da Aiways-Modelle über keine eigene Navigationssoftware verfügen und man daher eine reibungslose Connection zum Smartphone erwarten dürfte.

Ladekurve 1: Leistung und SoC über Zeit
Ladekurve 2: Leistung über SoC

Unterdurchschnittlich fällt leider auch das Ladeverhalten des U6 aus. Aiways kommuniziert eine maximale Ladeleistung von 90 kW und verspricht, dass der 63-kWh-Akku unter optimalen Bedingungen in 35 Minuten von 20 auf 80 Prozent aufgeladen werden könne. In unseren Ladetests erreichte der U6 allerdings nur einmalig eine Peak von 95 kW, ansonsten verblieb die maximale Ladeleistung stets zwischen 75 und 80 kW und fiel dann jedes Mal ziemlich rapide ab. Im Vergleich zu den direkten Mitbewerbern ist ein Fahrzeug mit einer solchen Ladekurve kaum noch wettbewerbsfähig. Die WLTP-Reichweite von 400 Kilometern kann innerstädtisch durchaus erreicht werden, auf der Autobahn schnellt der Verbrauch dann aber in die Höhe. Bei angenehmen Temperaturen und einer maximalen Geschwindigkeit von 130 km/h sollte man hier mit 270 realen Kilometern kalkulieren.

Mehr Fahrspaß als erwartet

Fahrspaß kommt trotz Frontantrieb und der verhältnismäßig schwachen Motorisierung von 160 kW bzw. 218 PS aber trotzdem auf. Im Sport-Modus beschleunigt der U6 in glatten sieben Sekunden von 0 auf 100 km/h, die Höchstgeschwindigkeit wurde auf 160 km/h limitiert. Dennoch sorgt die aggressiv gestaltete Front für reichlich Rückspiegelprestige und lässt deutlich höher motorisierte Verkehrsteilnehmer auffallend schnell die linke Spur räumen. Das Fahrwerk des U6 ist im Gegensatz zum U5 eher straff ausgelegt, Windgeräusche gibt es dank der gut gedämmten Karosserie kaum. Gewöhnungsbedürftig ist allerdings der späte Bremspunkt des U6. Wenngleich sich das Bremsverhalten dreistufig einstellen lässt, ist selbst die sportlichste Stufe unserer Ansicht nach zu lasch. Auch die Rekuperation lässt sich nur schwer dosieren, weshalb wir sie nach einer Weile einfach auf „niedrig“ gestellt ließen und ohne One-Pedal-Driving das Fahrzeug nutzten.

Wer nicht so gerne selbst hinter dem Steuer sitzt, findet auf der Rückbank ein China-typisches Ausmaß an Beinfreiheit vor. Trotz des riesigen, serienmäßigen Panoramadachs und der abfallenden Dachkante gibt es auch genügend Platz nach oben. So lassen sich lange Strecken höchst komfortabel zurücklegen. Im Gegensatz zu den kaiserlichen Platzverhältnissen auf der Rückbank fällt das Kofferraumvolumen von 472 Litern wiederum relativ durchschnittlich aus, da sich der Subwoofer des serienmäßigen Magnat-Soundsystems eine ganze Menge Platz genehmigt. Einen Frunk gibt es nicht, soll in den kommenden Modellen aber Einzug finden.

Durchwachsene Assistenzsysteme

Die Fahrassistenzsysteme des Aiways U6 zeigen ein durchwachsenes Bild. Während der Fahrer dank der 360-Grad-Kamera einen guten Überblick über die Umgebung behält und der Notbremsassistent in Gefahrensituationen sehr zügig und zuverlässig arbeitet, kann die Nutzung des intelligenten Tempomaten nicht empfohlen werden. Hier schwankt das Fahrzeug geradezu im Zickzack zwischen den Spurmarkierungen hin- und her. Die biometrische Kamera in der A-Säule behält den Fahrer stets im Auge und drückt bei nicht vorbildlichem Verhalten eindringlich bimmelnd ihre Unzufriedenheit aus. Per se ein sinnvolles Feature für mehr Verkehrssicherheit, doch einmal wurden wir bezichtigt, am Steuer zu rauchen – wie die Kamera zu diesem Schluss kam, verstehen wir immer noch nicht. Dennoch ein Lob an dieser Stelle: Sämtliche Warntöne wurden im Vergleich zum U5 tatsächlich stark reduziert und lassen sich auf Wunsch auch ganz ausschalten. Die Horrorvorstellung eines dauerhaft piepsenden und bevormundenden chinesischen Autos dürfte damit nicht die Kaufentscheidung beeinflussen.

Was Kaufinteressenten jedoch potenziell abschrecken könnte, ist der Preis des U6. Knapp 48.000 Euro klingen zwar für ein vollausgestattetes Fahrzeug im Segment der Mittelklasse-SUV-Coupés vertretbar. Doch wenn man bedenkt, dass ein Model Y mit deutlich besseren Fahr- und Ladeleistungen und hervorragender Software derzeit schon für knapp 45.000 Euro zu erwerben ist, fällt es schwer, den Aiways U6 trotz seiner Lambo-artigen Optik und dem liebevoll gestalteten Innenraum zu empfehlen.

Zu einer Probefahrt mit dem extrovertierten Chinesen können wir aber trotzdem raten, denn je nach Fahrprofil könnte der U6 vielleicht doch eine Option sein, wenn man ein deutsches oder amerikanisches Fabrikat kategorisch ausschließt oder sich Herz über Kopf in den sportlichen Look des Underdogs aus Fernost verguckt hat. Probefahrten sind hoffentlich auch bald wieder möglich, sobald Aiways gegen Mitte des Jahres seinen neuen Vertriebspartner bekannt gibt. Bleibt abzuwarten, ob sich die Marke mithilfe eines neuen Vertriebsmodells endlich in Europa behaupten kann.

Update, 18.03.24: Laut dem Aiways-Pressesprecher gibt es im Fond doch USB-Anschlüsse, diese sind jedoch etwas versteckt angebracht. Die Textpassage wurde entsprechend angepasst. Eine Preissenkung stellt Aiways in absehbarer Zeit ebenfalls in Aussicht. 

Technische Daten Aiways U6
Fahrzeugklasse: SUV-Coupé
Sitze/Türen: 5/5
ANTRIEB
Antriebsart: Vorderradantrieb
Bauart: permanenterregte Synchronmaschine
Leistung: 160 kW
Drehmoment: 315 Nm
BATTERIE & LADESTANDARD
Energieinhalt (brutto/netto): 63 kWh/60 kWh
Wärmemanagement: Flüssigkühlsystem
Ladestandard AC: Typ 2 11 kW 3p
Ladestandard DC: CCS 90 kW
Ladezeit AC 11-kW-Ladestation: ca. 7 h (0–100 %)
Ladezeit DC 100-kW-Ladestation: ca. 35 min (20–80 %)
FAHRLEISTUNGEN
Höchstgeschwindigkeit: 160 km/h
Beschleunigung (0–100 km/h): 7,0 s
REICHWEITE & VERBRAUCH
Verbrauch (WLTP): 16,0 kWh/100 km
Reichweite (WLTP): 405 km
ABMESSUNGEN & GEWICHT
Länge x Breite (exkl. Spiegel) x Höhe: 4,805 m x 1,880 m x 1,641 m
Breite (inkl. Spiegel): 2,10 m
Radstand: 2,80 m
Wendekreis: 12,0 m
Gepäckraum: 472–1.260 l
Frunk:
Leergewicht: 1.790 kg
Zuladung: 405 kg
Anhängelast (gebremst/ungebremst):
cW-Wert: 0,248
Luftwiderstandsfläche (cW x A): N/A
PREIS
Verfügbarkeit: ab sofort bestellbar
Deutschland: ab 48.178 € (Prime)
Österreich:

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