Neustart mit drei Elektro-Modellen

22.06.2023 von Marcus Zacher

Lancia kommt zurück

Die einst stolze, ja legendäre Marke Lancia fristete in den letzten Jahren nur noch ein kümmerliches Schattendasein. Doch mithilfe neuer Elektrofahrzeuge und der Macht des Stellantiskonzerns plant die Marke das europaweite Comeback. Dem deutschen Markt fällt dabei eine Schlüsselrolle zu.

Schwelgt man in Erinnerungen über die italienische Marke Lancia, kommen Automobilfans meist Modelle wie Delta Integrale und Stratos oder ikonische Klassiker wie Aurelia und Fulvia in den Sinn. Die letzten beeindruckenden Fahrzeuge des Herstellers haben inzwischen ausnahmslos den Oldtimerstatus erreicht, es folgte lieblose Durchschnittsware mit teils skurrilem Design, was in umgelabelten Chrysler-Modellen gipfelte.

Die Folge: Die Marke zog sich komplett auf den italienischen Markt zurück, bis etwa Mitte 2017 verschwand sie endgültig aus Deutschland und anderen europäischen Ländern. Auf dem Heimatmarkt wurde dennoch weiterhin fleißig der Kleinwagen Ypsilon verkauft, der trotz seiner inzwischen zwölfjährigen Bauzeit respektable Verkaufserfolge erzielen konnte, im letzten Jahr sogar den zweiten Platz der italienischen Verkaufsstatistik belegte.

Elektro-Studie als Stratos-Hommage

Doch jetzt will der Stellantis-Konzern, zu dem Lancia nach der Liaison zwischen FCA und PSA heute gehört, die Marke aus dem Dornröschenschlaf erwecken. Als erster Beweis dient die unkonventionell gezeichnete Designstudie Pu+Ra HPE. „Pu+Ra“ steht für „Pure and Elegance“, das Kürzel „HPE“ für „High Performance Electric“.

Das keilförmige Styling orientiert sich augenscheinlich am Lancia Stratos, dennoch bleibt es eine reine Fingerübung für die Designer und ein Ausrufezeichen für den angestrebten Neustart. Doch wer genau hinschaut, kann bereits erste Hinweise auf kommende Modelle der Marke entdecken: Dazu gehören der neu gezeichnete Markenschriftzug und das aufgefrischte Lancia-Logo, sowie die Y-förmige Lichtsignatur am Bug. Im Interieur will Lancia künftig ein edles Ambiente durch die Zusammenarbeit mit der italienischen Premium-Möbelmarke Cassina erzeugen.

2024: Los geht’s mit Ypsilon Numero 3

Konkreter wird die Neuausrichtung mit dem Lancia Ypsilon der dritten Generation, die Mitte nächsten Jahres auf den Markt kommen soll. Der Ypsilon wächst vom Kleinst- zum Kleinwagen und wird etwa vier Meter lang werden. Produziert wird er im spanischen Saragossa, wo auch Opel Corsa und Peugeot 208 vom Band laufen. Da liegt die Schlussfolgerung nahe, dass der neue Ypsilon nicht den Unterbau des Fiat 500e, sondern die Stellantis-Mischplattform CMP nutzen wird.

Zum Start soll es einen Mildhybrid mit 48-Volt-Technologie sowie eine reinelektrische Version geben, die sich technisch an den Elektroablegern der Schwestermodelle orientieren dürfte. Das lässt auf Batterien mit 50 bis 54 kWh Brutto-Energieinhalt, Normreichweiten von rund 400 Kilometern sowie E-Motoren mit 100 bis 115 kW Leistung schließen. Ob der Ypsilon auf allen Märkten als Verbrenner- und Elektromodell angeboten wird oder man sich in bestimmten Ländern ausschließlich auf die E-Version beschränkt, bleibt noch abzuwarten.

Klar ist allerdings auch: Der kleine Ypsilon markiert zwar den Beginn des Lancia-Comebacks, doch rein technisch lässt die CMP-Plattform hier keine großen Sprünge erwarten – sei es beim elektrischen Antriebsstrang oder auch der Fahrzeugsoftware.

2026: Lancia Gamma – SUV auf reiner Elektro-Plattform

Das dürfte sich mit dem Marktstart des etwa 4,60 Meter langen Mittelklasse-SUVs Gamma ändern, der 2026 auf Basis der reinelektrischen Konzernplattform STLA-Medium an den Start gehen wird. Hier rechnen wir mit einem deutlichen Sprung in puncto Reichweite, Antriebs- und Ladeleistung sowie der Software. Ab 2026 plant Lancia ebenfalls nur noch vollelektrische Fahrzeuge neu auf den Markt zu bringen.

2028: Wiederbelebung des Lancia Delta

Das gilt auch für das dritte avisierte Modell, den Lancia Delta. Dieser nutzt ebenfalls die STLA-Medium-Plattform, wird etwa 4,40 Meter lang und ein für die Kompaktklasse typisches Steilheck erhalten. Damit wird der Delta der vierten Generation kleiner als das 2014 eingestellte Vorgängermodell, soll sich beim Design jedoch am ikonischen Styling der ersten Delta-Generation orientieren.

Marktstart Modell Beschreibung Länge Plattform
Mitte 2024 Ypsilon Kleinwagen ca. 4,0 m CMP
2026 Gamma Mittelklasse-SUV ca. 4,6 m STLA-Medium
2028 Delta Kompaktwagen ca. 4,4 m STLA-Medium

Neues Vertriebskonzept

Doch um die neue Produktpalette an die Person zu bringen, muss Lancia zunächst einmal ein neues Händlernetz in Europa etablieren, die Marke spricht hier von mindestens 70 Handelspartnern. Die Kernmärkte werden in einem ersten Schritt die großen Automobilmärkte der EU sein, also Italien, Frankreich, Spanien und – aus Sicht von Lancia besonders wichtig – Deutschland.

Europas größtem (Elektro-)Automarkt soll beim Comeback eine Schlüsselrolle zufallen und zu einem bedeutenden Anteil am Absatz beitragen. Dazu plant Lancia mit 25 Handelspartnern in 24 Städten, womit bis zum Marktstart des neuen Ypsilon Mitte 2024 über 100 Handelsstandorte in Deutschland aufgebaut sein sollen. Diese werden die Marke dann im Agenturmodell vertreiben. Der Händler muss also nicht mehr die Ausstellungsfahrzeuge kaufen, sondern bekommt sie vom Importeur gestellt, was die Bereitschaft steigern soll, die neue, alte Marke ins Portfolio aufzunehmen. Zu einem weiteren, beträchtlichen Anteil an den Verkäufen soll der Online-Handel beitragen. Weitere Märkte, wie Österreich oder die Schweiz, folgen später.

Fazit: Mehr Historie als DS – aber reicht das aus?

Lancia gehört im fast nicht mehr zu überblickenden Stellantis-Markenpotpourri zusammen mit Alfa Romeo und DS Automobiles zum Premium-Cluster des Konzerns. Keine der drei Marken gehört derzeit zu den Überfliegern auf den europäischen Premiummarkt, insofern wird es eine große Herausforderung sein, Alfa, DS und Lancia nicht nur ein scharfes, klares Image zu verschaffen, sondern auch mit überzeugenden Produkten neue Marktanteile für sich zu gewinnen.

Doch anders als DS kann Lancia eine gewisse Fangemeinde und Historie vorweisen, was bei der Markenbildung helfen wird – wenn man die Fehler der Vergangenheit nicht noch einmal wiederholt. Doch das ist dem Team um Niccolò Biagioli, dem Chef der Stellantis-Premiummarken, bewusst. Ob allerdings der neue Ypsilon auf der nicht mehr ganz aktuellen CMP-Plattform nun der richtige Einstieg für die Marke ist, oder man gleich mit dem modernen Gamma hätte starten sollen, bleibt abzuwarten. Noch entscheidender dürfte bei der Bewertung des Neustarts allerdings der Erfolg des Lancia Delta sein.

Fotos: Lancia, M. Zacher

  1. carlo sagt:

    Sehr geehrter Herr Zacher,

    Lancia: toll, die italiener haben einfach stil. Müsste man fast abwarten, bevor man den maseratti kauft. Aber der ist auch super schön.
    Überhaupt schön und gut, wie Sie dieses journal machen. Die beiträge, photos, texte und Sie . Ein anderer autojournalismus als „üblich“. Mit freundlichem gruss carlo

    1. Marcus Zacher sagt:

      Lieber Carlo,

      vielen Dank für das positive Feedback, das freut uns immer sehr!

      Viele Grüße
      Marcus

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