Mit EVA auf du und du

Seit 2010 bin ich jetzt schon auf Kennenlerntour. Und ich mache nicht mal ein Geheimnis daraus, dass mir die ersten E-Motorräder selbst nicht gefallen haben. Ganz am Anfang wäre ich lieber nur bei einer totalen Sonnenfinsternis damit gefahren. Doch ich hatte einen Traum und wusste, diese Technologie wird schneller kommen als alles zuvor.

Ich selbst bin schon über 400.000 Kilometer auf Motorrädern gefahren. Boldor, FJ 1200, K 1200 R und Z1000. Dies nur, um der vorschnellen Vorverurteilung entgegenzuwirken ich wäre ein Öko und hätte vermutlich nie ein „richtiges“ Motorrad gefahren. Es waren sogar weitaus mehr als die oben Genannten. Ich bin auch kein Motor-Journalist, sondern bezeichne mich einfach nur als Motorradfahrer, und das seit den frühen 80ern.

Energica, Hersteller von E-Motorrädern im norditalienischen Modena, hat meinen Traum wohl erraten: Neulich stand sie vor mir, EVA, nackt wie in der Bibel, sie hat Kurven und sie hat das Temperament, das man sich als Motorradfahrer wünscht. Die reinen Zahlen sagen nichts aus, obwohl sie schon beeindrucken: 70 kW (95 PS), 170 Nm, 200 km/h sind etwas für einen Stammtischabend. Reicht, um Eindruck zu schinden, beschreibt aber nicht einmal zu 50 Prozent, was EVA an Verführungskünsten draufhat.

EVA ist kein Leichtgewicht.
286 Kilo, es könnten ein paar weniger sein. Grund dafür ist das massive Akkupack mit 11,7 kWh (entspricht 1,3 Liter Superbenzin). Zum Glück haben die Italiener bei Energica auf ein Getriebe verzichtet. Die Kurven finde ich persönlich sehr gelungen, aber ich stehe auch auf große, nackte Motorräder. („Naked bike“ bedeutet, für die Nicht-Motorradexperten, „ohne Verkleidung“.) Und weil man sich bei der Farbgebung auch stundenlang über die eine oder andere Variante streiten kann, wird EVA wahlweise in einem sehr frischen Grün oder in einem dunklen Blau geliefert. Beides sehr edel.

Zur Technik
E-Motor, logisch, das Ding hat keinen Sound! Dafür aber 170 Nm am Rad ab der ersten und kleinsten Bewegung am Gasgriff, der allerdings treffender Spaßgriff genannt werden sollte. Der Arbeitsbereich dieses Griffs beschränkt sich auf eine Viertelumdrehung, das heißt, 90 Grad am Griff entscheiden zwischen Rollen und 200 km/h. Nichts für Ungeübte und schon gar nichts für Anfänger. EVA benötigt eine erfahrene Hand, und wahrscheinlich ist ein Fahrtraining unter sachkundiger Führung der beste Weg, sie näher kennenzulernen.

Das Cockpit
Wie im Jet. Zentrale der Macht. Wer will, kann zwischen vier Fahrstilen – Eco, Urban, Rain oder Sport – wählen. ABS ein oder aus, Rekuperation aus, medium, low oder high. Auch die Restreichweite und den aktuellen Energieverbrauch hat man stets im Blick. Fast unnötig zu sagen, dass alles auch ganz zeitgemäß am Smartphone kontrolliert werden kann. Schlüssel umdrehen, Startknopf rechts am Griff drücken und los geht‘s. Und wie es sich für eine so schwere Lady gehört, hat Energica ihr einen Parkassistenten spendiert. Damit fährt sie im Minimaltempo vor- und rückwärts und lässt sich so auch am Hang, im engen Hangar oder beim Verladen in einen Transporter kinderleicht rangieren.

Und wie kommt die Energie in den Akku? Entweder zu Hause an einer Schukosteckdose in dreieinhalb Stunden vollladen oder an öffentlichen CCS-Schnellladestationen in 24 Minuten auf 80 Prozent. An dieser Stelle kommt am Stammtisch immer die Frage nach der Reichweite: Keine Sorge, die reicht aus! Um es genau zu sagen: Wer EVA fährt, wie sie es mag, hat nach 130 Kilometern eine 24-Minuten-Pause. Diese hat dann, bei derart flotter Gangart, ohnehin auch der Pilot nötig. Der geneigte Elektromobilist schafft sicher 200 Kilometer – verzichtet allerdings auf Adrenalin in Reinform.

Spaß und Adrenalin bietet EVA zur Genüge. Auffällig beim Erstkontakt ist, dass es links keine Kupplung gibt. Für den Elektriker aber logisch, denn der Motor ist, wenn er nicht dreht, komplett aus. Die Kupplung damit arbeitslos, schade für die Kupplung, aber gut für den Unterhalt. Jedes nicht verbaute Teil in einem Motorrad kostet kein Geld bei der Beschaffung und verursacht keine Kosten bei der Wartung. Also los, den Griff langsam drehen und EVA setzt sich in Bewegung. Wirklich langsam, denn dreht man ihn in gleichem Maße wie bei einem Verbrenner, hat man mit EVA die ersten 80 Meter bereits hinter sich.

Wenn EVA erst einmal rollt, dann fehlt plötzlich nichts mehr. Ein leichter Dreh am Gasgriff und sie startet durch, Gas weg und sie verzögert. Rekuperation ist das Zauberwort, sie speist Bewegungsenergie in den Akku zurück. Und das ist neu, bis zu 33 Prozent der Energie werden an die Akkus wieder zurückgegeben, dadurch mehr Reichweite, und darüber hinaus noch viel mehr, weil eine neue und angenehme Art zu bremsen. Nach wenigen Kilometern stellt man sich darauf ein, Gas zu, Fahrzeug wird langsamer, Gas auf und Attacke! Die Fahrt wird zu einer Art Rausch. Ohne die Bremsen zu nutzen, nur mit der Gashand sanft gesteuert. Konzentration auf das Wesentliche, und das ist nicht, wie oft behauptet, der Sound, sondern die Fahrdynamik. Fahrer und Fahrzeug werden eins.

Um ein Gefühl zu vermitteln, was hier tatsächlich passiert, vergleiche ich EVA mit der Z1000, die ich seit Jahren fahre. Die Sitzposition ist bei beiden gleich, EVA erscheint etwas breiter im Rücken. Länge auch etwa gleich. Der Unterschied zeigt sich auf dem Weg durch kurvige Straßen. Wenn nach gefühlten 1000 Kilometern hinter einem Lkw der Tacho bei 80 km/h eingefroren zu sein scheint, der Blick ein paar Meter freie Straße fixiert und der Teufel in dir erwacht, dann scherst du aus und los. Dieser Vorgang erweckt Glückshormone, die aber beim Einscheren ihr Ende bei etwa 120/130 km/h finden, bei der 1000er. Bei der EVA, gleiche Gegebenheiten, ist am Ende des Überholvorganges der Tacho auf 190, der Lappen weg und sämtliche Blutgefäße bis in die kleinste Verästelung reingespült und der Fahrer bereit, den nächsten Lkw zu killen! Alles nur theoretisch, natürlich.

Der Gitterrohrrahmen, das Fahrwerk und die Bremsen, bei EVA ist alles aus dem obersten Regal. Man merkt, das Team von Energica ist auch in der Formel 1 und anderen Rennserien unterwegs. Wer mit viel Vortrieb fährt, muss auch top bremsen können: Im Ernstfall packen die Brembo-Scheiben zu wie Herkules. Der Rahmen verspricht verwindungsfreies und sicheres Handling, ein paar Klicks, und jeder Fahrer kann ihn leicht auf sich abstimmen.

Die nackte, unverkleidete EVA steht gut da, sie posiert schon im Stand und macht ganz sicher auch vor der italienischen Eisdiele eine gute Figur. Gemacht ist sie aber für den guten Zweck, den Fahrer, also dich, um dich glücklich zu machen. Und wenn du gewusst hättest, was da kommt, du hättest auf andere Versuche verzichtet. Denn mit EVA allein im Wald, das erzeugt Sucht. Du kannst bequem dahingleiten, du kannst aber auch, wenn du es kannst, jederzeit zur Attacke übergehen.

Kein Wunder also, dass du am Ende bei Google landest, Suchbegriff „Energica EVA kaufen“. Was bleibt, ist nicht nur eine Preisfrage. Klar, EVA ist nicht billig zu haben, aber vergleichbare Fahrzeuge, ebenfalls aus Italien, von Anbietern, die mittlerweile zu großen Autokonzernen gehören, liegen im ähnlichen Segment. Mindestens 25.000 Euro sollte dir der Spaß wert sein. Wenig Wartung und kaum Energieverbrauch (früher nannte man das Benzinverbrauch) bringen deine neue Partnerin außerdem auf Unterhaltskosten, die winzig sind. Derzeit auch noch steuerfrei, und wer sich Solarmodule aufs Dach gesetzt hat, produziert seinen eigenen Kraftstoff – der hier zumindest seinen Namen verdient hat!

Und selbst wer den Strom einfach nur aus der Ladesäule oder Steckdose holt, kann zumindest sicher sein, mit seiner EVA die neidischen Blicke der anderen Männer auf sich zu ziehen. Einer glücklichen Beziehung steht somit nichts mehr im Wege. (Von Matthias Schmidt | Fotos: Energica, Damiano Fiorentini)

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Meist gelesen

Zum Abo

Die aktuelle Ausgabe!

Die aktuelle Ausgabe!

EAM 03/2018 Juni/Juli

Das könnte Sie auch interessieren