Wenn der Saft ausgeht: Pannenhilfe bei Elektroautos

Obwohl die gängigen Elektroautos selbst bei Kälte weit jenseits der 100 Kilometer Reichweite schaffen, und der Durchschnittsautofahrer laut dem deutschen Kraftfahrt-Bundesamt nur knapp 40 Kilometer am Tag unterwegs ist, plagen so manchen die Reichweitenangst und die Furcht, mit leerem Akku liegenzubleiben.

Bis es tatsächlich soweit kommt, müsste man allerdings mehrere Warnungen der cleveren Bordcomputer stur ignorieren. Und die Anzeigen in den Multiinstrumenten von Elektroautos, die auf sich leerende Batterien hinweisen, sind um einiges auffälliger als die kleinen leuchtenden Zapfsäulen neben den Tankanzeigen von Benzinern und Dieseln. Zudem weisen die integrierten Navis auf verfügbare Ladepunkte in der Nähe hin. Es sollte also kaum vorkommen, dass man es tatsächlich nicht mehr bis zur nächsten Ladesäule oder wenigstens zur rettenden Schuko-Steckdose in der Garage des netten Landwirts im abgelegenen Einsiedlerhof schafft.

Aber was, wenn doch?
Selbst in diesem Fall kann man sich darauf verlassen, dass einem schnell und unkompliziert geholfen wird. Und genauso zuverlässig, wie wenn ein konventionell angetriebener Pkw mit einer Panne liegenbleibt, wie uns mehrere Elektroautohersteller auf Anfrage versichern.

Das weltweit meistverkaufte Elektroauto stammt von Nissan. Der Leaf wurde bereits mehr als 200.000 Mal verkauft. Das aktuelle Modell kommt dank dem bis zu 30 Kilowattstunden großen Akku auf bis zu 250 Kilometer Reichweite. Weniger als ein Prozent aller Leaf-Fahrer seien jemals mit einer leeren Batterie liegengeblieben, so der Hersteller. Kommt es trotzdem zu diesem Malheur, werde das Fahrzeug zur nächsten Ladestation oder alternativ zum nächsten Nissan-Partner gebracht. Sollte „eine Ladung des Akkus kurzfristig nicht möglich sein, dann bekommt der Kunde einen Ersatzwagen gestellt“, teilt Sprecherin Ulrike vom Hau mit. Der Pannenservice sei als Bestandteil der Neuwagengarantie kostenlos und werde auch im europäischen Ausland angeboten.

Auch Kia hat mit dem Soul EV und seinen mehr als 200-Normkilometern ein recht reichweitenstarkes Elektroauto im Programm. Bleibt sein Lenker dennoch mit leerem Akku liegen, greift wie bei allen Kia-Modellen die „7-Jahre-Kia-Mobilitätsgarantie“. Diese beinhaltet „das Abschleppen zum nächstgelegenen Kia-Händler oder im Falle eines Elektrofahrzeugs alternativ zu einer entsprechenden Ladestation“, so Sprecherin Judith Richter. Den Service stellt der koreanische Hersteller kostenfrei und europaweit zur Verfügung. Herbeieilende Pannenhelfer seien, wie bei allen anderen Herstellern auch, „entsprechend geschult und können im Falle einer Panne das Fahrzeug fachgerecht abschleppen“.

Renaults Zoe ist dank seiner bis zu 210 Elektrokilometer ebenfalls einer der beliebteren Stromer. Analog zu Kia unterscheiden die Franzosen bei ihrer Pannenhilfe nicht zwischen Verbrennerpanne oder wegen leerer Akkus liegengebliebenem Elektroauto. „Mit Z.E. Assistance steht ein täglich rund um die Uhr verfügbarer Pannendienst zur Verfügung“, sagt Sprecherin Blerina Tafilaj. Dieser umfasse „Reparaturen, wenn möglich gleich vor Ort, und bei leerer Batterie das kostenlose Abschleppen bis zu jeder vom Kunden gewünschten Ladestation in bis zu 80 Kilometer Entfernung“. Im Schnitt vergehen bei Renault 30 Minuten, bis der Pannenhelfer eintrifft. Die Leistung sei „Teil der Fahrzeuggarantie bzw. danach des Batteriemietvertrags“ und kostenlos. Im europäischen Ausland ist der Service nur in den Ländern verfügbar, in denen die Franzosen ihre Elektroautos verkaufen.

Im Falle einer leer gefahrenen Batterie kann sich der Fahrer eines elektrischen Volkswagens innerhalb der ersten zwei Jahre ab Kaufdatum „kostenlos zum nächstgelegenen Volkswagen-Partner, zur Heimadresse oder zu einer öffentlichen Ladestation abschleppen lassen“, so Sprecher Nicolai Laude. In der Regel seien die Notdienst-Einsatzkräfte „elektrisch unterwiesene Personen“ (EuP) und können alle Elektromodelle des Unternehmens abschleppen – derzeit sind dies der e-Up! mit bis zu 160 und der e-Golf mit bis zu 190 elektrischen Kilometern. Die Leistungen dieser Mobilitätsgarantie gelten in 32 europäischen Ländern. Generell gebe es „bei Pannen keine nennenswerten Häufungen, die sich speziell auf den Elektroantrieb beziehen“ – ein klares Statement zur Zuverlässigkeit von Elektroautos.

Etwas in Deutschland bislang Einzigartiges hat sich BMW einfallen lassen: Statt ein Elektroauto wegen leerer Batterie zur nächsten Stromquelle zu schleppen, kommt die Ladesäule zum Pannenfall gefahren. „Mobile Recharger“ heißt dieses Servicemobil, dessen zusätzliche Stromquelle im Kofferraum mit einer Ladeleistung von bis zu 32 Ampere bei 230 Volt (7,4 Kilowatt) angezapft werden kann. „Insgesamt existieren bei BMW 16 Mobile Recharger“, erklärt Sprecherin Paloma Brunckhorst. Diese werden vor allem in deutschen Ballungsräumen und „in einigen Ballungsgebieten“ in Europa eingesetzt. Auch dieser Service ist im Rahmen des Mobilitätspakets BMW i Mobile Care kostenlos und erfolgt genauso schnell wie bei Verbrennerpannen.

Grundsätzlich gilt: Bei einer noch bestehenden Fahrzeuggarantie durch den Hersteller ist dieser der erste Ansprechpartner im Pannenfall. Ebenso bereiten sich aber auch immer mehr Automobilclubs auf die zunehmende Zahl von Elektroautos auf den Straßen vor. Der ADAC etwa hilft, so Sprecher Christian Buric, „Fahrern von E-Autos im Rahmen der normalen ADAC-Pannenhilfe“, deren Kosten den üblichen ADAC-Mitgliedschaftsmodellen entsprechen. Alle knapp 1.700 Gelben Engel haben eine spezielle Ausbildung für den Bereich Elektromobilität durchlaufen und sind im Umgang mit den Hochvoltsystemen geschult.

Beim ADAC soll es ebenfalls Planungen für einen mobilen Schnelllader auf Rädern geben. Momentan sei die Zahl der E-Autos aber noch zu gering. „Mit steigender Anzahl der Elektroautos wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch mobile Einsatzlösungen mit Akku geben“, so ADAC-Mann Buric. Der Automobilclub stehe deshalb „im ständigen Austausch mit seinen internationalen Partnerclubs, um zu sehen, was andere Clubs hier anbieten“.

 

Der US-Automobilclub American Automobile Association (AAA) ist da schon etwas weiter und hat mobile Ladetrucks bereits seit einigen Jahren in der Flotte: Im Jahr 2011 startete der AAA einen ersten Pilotversuch in Seattle, Portland, Los Angeles, San Francisco, Knoxville und Tampa Bay – mit nachhaltigem Erfolg. Mittlerweile gibt es die Ladestationen auf Rädern in mehreren Bundesstaaten. Bei manchen Servicefahrzeugen stammt die Energie fürs mobile Nachladen aus einer Lithium-Ionen-Batterie, andere sind mit einem gasbetriebenen Generator ausgestattet oder zapfen die Leistung des Truck-Motors an. Meist reichen 15 Minuten am sogenannten Roadside Assistance Truck, bis wieder genug Saft im Akku ist, um es bis zur nächsten Ladesäule zu schaffen. Für Mitglieder des Clubs ist der Service kostenlos. Auch Autoclubs in Großbritannien und Japan haben mobile Ladestationen zumindest bereits getestet. (Von Michael Neissendorfer)

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