Volkswagen e-Golf reloaded

Lesen Sie das Kleingedruckte! Zwischen den inhaltsarmen Allgemeinplätzen und dem langweiligen Marketingsprech einer offiziellen Verlautbarung findet sich ein Satz, der den Puls von Elektroautofans positiv beschleunigt: „Für den BEV-Absatz im Jahr 2025 prognostiziert der Volkswagen-Konzern ein Volumen von zwei bis drei Millionen Einheiten“, heißt es wörtlich.

Das Kürzel BEV steht für Battery Electric Vehicle, also gewissermaßen für die reine Lehre des Fahrens mit Strom und ausdrücklich ohne Verbrennungsmotor. Bezogen auf die heute pro Jahr und weltweit verkauften rund zehn Millionen Fahrzeuge bedeutet das eine Quote von 20 bis 30 Prozent. Dem Volkswagen e-Golf kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Inklusive der traditionellen TSI- und TDI-Versionen ist er aktuell das meistverkaufte Auto in Europa. Und weil er das nach dem Willen von Volkswagen auch in einer emissionsfreien Zukunft sein soll, erhält der e-Golf jetzt eine um circa 50 Prozent vergrößerte Batterie.

Konkret wächst die Kapazität von 24,2 auf 35,8 Kilowattstunden. Der neue e-Golf steht ab dem vierten Quartal des Jahres in den Showrooms und anders als bei BMW und Nissan ist die neue Version keine Ergänzung, sondern ein Ersatz für die bisherige. Das überarbeitete Batteriepaket passt in den gleichen Bauraum wie bisher und dokumentiert damit den Fortschritt der Technik.

Volkswagen ist oft kritisiert worden für das Konzept des e-Golfs: Statt ein ausschließlich auf die E-Mobilität ausgerichtetes Auto zu bauen, wie es BMW beim i3 getan hat, verfolgt man einen scheinbar simplen Weg und setzt auf das vorhandene Fahrzeug. Der elektrochemische Speicher sitzt im Unterboden zwischen den Achsen. Eine Einschränkung gegenüber den TSIs und TDIs beim Platz gibt es nicht.

Es ist Zeit, einem Gerücht ein Ende zu bereiten: Obwohl der e-Golf aussieht wie jeder andere Golf, ist er kein Conversion Vehicle, also ein nachträglich auf Strombetrieb umgerüstetes Fahrzeug. Vielmehr wurde bei der Konstruktion der 2012 vorgestellten siebten Generation und der damit verbundenen Einführung des sogenannten Modularen Querbaukastens (MQB) das komplette Antriebsportfolio von vornherein berücksichtigt: Vom Benziner über den Diesel, die Erdgasversion und den Plug-in-Hybrid im GTE bis zum e-Golf ist (fast) alles käuflich, was vernünftig denkbar ist.

Der neben dem vergrößerten Akku zweite signifikante und alltagsrelevante Unterschied zum „alten“ e-Golf ist die von 3,6 auf 7,2 Kilowatt gesteigerte AC-Ladeleistung. Das bedeutet: Zu Hause an der Wallbox und an öffentlichen Wechselstrom-Ladesäulen halbiert sich die Zwangspause. Finale Werte liegen noch nicht vor; rechnerisch lässt sich dennoch eine maximale Wartezeit von fünf Stunden prognostizieren. Über Nacht ist in jedem Fall die volle Reichweite vorhanden. Unterwegs bleibt es bei der DC-Schnellladeoption mit 50 Kilowatt nach dem CCS-Standard.

Das Facelift des Volkswagen Golf in der Mitte des Produktzyklus ist üblich. Und wie immer gibt es in Wolfsburg nur kleine Designanpassungen. Zusätzlich zum deutlichen Plus bei der Batteriekapazität erhält der e-Golf alle Features, die nach den Werksferien in den Standardmodellen erhältlich sind: So wächst der Screen des gegen Aufpreis erhältlichen Infotainmentsystems auf 9,2 Zoll. Damit zieht auch die Gestensteuerung in die Kompaktklasse ein. Außerdem wurde die Sprachsteuerung verbessert und Smartphones lassen sich besser integrieren. Ebenfalls neu ist das Active Info Display, bei dem die analogen Rundinstrumente durch digitale ersetzt werden und die Einblendung, zum Beispiel der Navigationskarten, besonders gelungen ist.

Den Kaufpreis hat Volkswagen bis Redaktionsschluss noch nicht veröffentlicht. Eine Spekulation fällt aber nicht schwer: Bisher kostete der e-Golf mindestens 34.900 Euro, wobei die Serienausstattung für VW-Verhältnisse üppig ausfällt. Vier Türen, Klimaautomatik und Radionavigationssystem gehören grundsätzlich dazu. BMW beim i3 und Nissan beim LEAF haben die Preise für ihre neuen Batteriepakete nur leicht angehoben und vielleicht überrascht Volkswagen sogar mit einem konstanten Kurs.

Zurück zur Gesamtstrategie
Am Stammsitz in Wolfsburg läuft der e-Golf vom gleichen Band wie seine konventionellen Geschwister. Auf Nachfrageschübe kann flexibel und schnell reagiert werden. Die Technik des e-Golfs ist Vorbild im Konzern für alle Autos, die auf dem MQB basieren. Für den Audi A3 oder den Seat Leon, aber auch für den kommenden VW Polo oder den in den USA beliebten Beetle. Alle Derivate könnten mittelfristig elektrifiziert werden. Hier werden Massen abgesetzt, wenn VW ernst macht.

Für die Königsklasse entwickeln die Ingenieure den MEB, den Modularen Elektrifizierungsbaukasten. Hier will man konkurrenzfähig zu Tesla werden. Die Batteriekapazität zielt in Richtung der 100 Kilowattstunden-Marke und die Ladeleistung wächst wegen der auf 800 Volt erhöhten Spannung auf 150 und mehr Kilowatt. Die Studie BUDD-e hat einen Vorgeschmack gegeben; ein erster Serien-Volkswagen auf Basis des MEBs wird vor 2020 am Markt sein. Es klingt für viele erstaunlich, was offensichtlich ist: Der Riese bewegt sich. (Von Christoph M. Schwarzer | Fotos: Volkswagen)

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