Legende an der Leine

Die Stadtväter von London ziehen weiter die Daumenschrauben an: Nachdem sie die Autofahrer seit Jahren für die Citymaut zur Kasse bitten, legen sie nun die legendären Black Cabs an die Leine. Eine neue Zulassung gibt es nur noch, wenn die Taxen elektrisch fahren können. Und ausgerechnet die Chinesen sind die ersten, die ein passendes Auto dafür haben.

Ian Collins hat schon ein paar spannende Projekte in seiner Karriere betreut. Schließlich war der Ingenieur nicht nur 20 Jahre bei Rover, sondern danach auch bei McLaren und dort verantwortlich für die Entwicklung des Mercedes SLR. Doch kein anderer Auftrag hat ihn so sehr gereizt, wie sein aktueller. Denn Collins arbeitet seit fünf Jahren bei der London Electric Vehicle Company und hat dort nichts Geringeres auf die Räder gestellt als ein neues Taxi für die britische Hauptstadt. Die Stückzahlen sind zwar bescheiden, räumt Collins ein, wenngleich das natürlich auch für den SLR gegolten hat.

Doch wenn es – neben dem Mini, dem Rolls-Royce Phantom und vielleicht dem Land Rover Defender eine automobile Ikone gibt auf der Insel, dann ist es das Black Cab, das zu London gehört wie die roten Doppeldecker, die Tower Bridge oder der Buckingham Palace. Und als wäre das nicht schon Bürde genug, musste Collins auch noch eine technische Revolution umsetzen. Denn während die Stadtväter bei uns noch Dieselfahrverbote diskutieren, haben sie in London längst Nägel mit Köpfen gemacht, schon vor Jahren die Citymaut eingeführt und jetzt auch noch die Legende an die Leine gelegt: „Seit dem 1. Januar dürfen gibt es eine neue Zulassung nur noch für Taxen, die elektrisch Fahren können“, erläutert Collins.

Mit dem Geld des chinesischen Autoriesen Geely und technischer Hilfe der Schwestermarke Volvo hat Collins den seit Jahrzehnten nahezu unveränderten Klassiker deshalb ins nächste Jahrtausend geholt und das erste Auto für diese neue Ära entwickelt : Satt eines rustikalen Diesels unter der Haube surrt im Heck nun ein E-Motor von 110 kW/150 PS und man steuert den Koloss flüsterleise, aber dafür umso kraftvoller durch die Rushhour und jedes Mal, wenn sich vor dem Taxi eine Lücke auftut oder die Ampel auf Grün springt, huscht ein Grinsen über das Gesicht des Fahrers: Von der Spurtkraft der Stromer profitieren in London künftig nicht mehr nur die Tesla-Fahrer und man muss sich fast schon zurücknehmen, damit einem beim Kickdown nicht die Fahrgäste durch den Fond kullern. Dass es auf der Autobahn mit dem Spaß schnell vorbei ist, fällt im Dauerstau zwischen der Hauptstadt und dem Flughafen Heathrow kaum auf. Und dass bei umgerechnet 130 km/h schon wieder Schluss ist, wird niemand stören in einem Land, in dem man nirgends schneller als 115 km/h fahren darf.

Wenn man bisweilen trotzdem das vertraute Brummen eines Verbrenners hört, liegt das am serienmäßigen Range Extender, mit dem Chefentwickler Collins dem realen Leben der Taxler Rechnung trägt. Denn Batterien groß und leistungsstark wie in einem Tesla könnten sich die Cabbies genauso wenig leisten wie die stundenlangen Stopps an der Ladesäule. Und kein Fahrgast würde akzeptieren, dass er auf dem Weg zum Flughafen den Wagen wechseln muss, nur weil gerade der Akku leer ist. Deshalb hat er einen vergleichsweise kleinen Akku unter den Wagenboden geschraubt und stattdessen noch einen aus dem Volvo-Regal übernommenen Dreizylinder-Benziner an Bord genommen, der allerdings genau wie zum Beispiel im BMW i3 mit konstanter Drehzahl nur einen Generator antreibt, wenn die Batterie nach 130 Kilometern leer ist. Eine Verbindung zu den Rädern gibt es nicht.

Mit den 38 Litern Sprit im Tank kommt das Taxi dann noch einmal über 500 Kilometer weit und ist nach einem ganz konventionellen Boxenstopp sofort wieder einsatzbereit, erläutert Collins. Das reicht offenbar: „Über den Tag nachladen musste ich noch nie“, sagt Taxifahrer Pad, der den Wagen als einer der ersten schon seit letztem Herbst im Einsatz und bei den letzten Praxistests geholfen hat. Stattdessen lädt er daheim mit billigem Nachtstrom und zahlt nur zwei Pfund für einmal Tanken. So spart er pro Woche immerhin 80 Pfund. „Bei 1200 Pfund Umsatz in einer Woche macht das eine ganze Menge aus,“ rechnet er vor.

Aber Pad lobt das London Cab nicht nur, weil es gut ist für die Umwelt und für seinen Geldbeutel. Selbst wenn der Hersteller nach Abzug der staatlichen Förderung noch immer 55.599 Pfund für das neue Modell verlangt – rund ein Viertel mehr als bisher für den Verbrenner. Pad schätzt vor allem die Ergonomie vor der Plexiglasscheibe, die seinen Arbeitsplatz von den Passagieren trennt: Bequemere Sitze, eine wirkungsvolle Klimatisierung, die Stille des Motors und dazu noch Assistenzsysteme wie die automatische Notbremse mit Fußgängererkennung. „Ich steige am Abend viel entspannter aus und muss nicht mehr alle zwei Stunden eine Pause mit ein paar Kniebeugen machen“, freut sich der Mittfünfziger, der an normalen Tagen schon mal zwölf Stunden hinter dem Lenkrad sitzt.

Antrieb und Ausstattung des Taxis mögen neu sein. Und auch wenn es bis auf die LED-Scheinwerfer irgendwie vertraut aussieht, haben die Exil-Chinesen auch Form und Format angepasst, den Wagen etwas gestreckt und das Dach angehoben. Doch eines ist so wie immer: Der winzige Wendekreis. Denn was sich in London ein Taxi nennen will, dem müssen 8,50 Meter zwischen zwei Wänden für eine Runde reichen, erläutert der Chefentwickler und schickt seinen knapp fünf Meter langen Koloss auf eine Kreisbahn als wolle er Karussell fahren. Kein Wunder, wenn sich die Vorderräder um bis zu 63 Grad einschlagen lassen, während man sie zum Beispiel in einem Volvo CXC90 nur um maximal 38 Grad drehen kann. So wird die Rushhour zum Rummelplatz und man fühlt sich Cab schnell mal wie auf dem Karussell.

Aber von der neuen Taxi-Generation sollen nicht nur die Fahrer und die Umwelt profitieren, sagt Collins. „Wir wollen auch den Passagieren ein neues Erlebnis bieten.“ Denn auch wenn das London Cab auf den ersten Blick so aussieht wie seit über 30 Jahren, ist es außen ein bisschen und innen deutlich größer geworden. Und vor allem komfortabler. Schon seit je her geräumiger als jedes Taxi auf dem Festland, bietet es jetzt mehr Platz als eine Stretch-Limousine. Für die Beine, weil der Radstand auf imposante 2,99 Meter gestreckt wurde. Und für den Kopf, weil das London Cab 1,89 Meter hoch ist. Zu zweit reist man im Black Cab von morgen auf diese Weise komfortabler als im Erste-Klasse-Abteil der Bahn. Und wenn es sein muss, können sogar sechs Passagiere gemeinsam zum Abenteuer ins Londoner Nachtleben starten – drei hinten auf der großen Bank und nochmal drei auf leidlich bequemen Klappsitzen, die mit dem Rücken zur Trennwand montiert sind.

Aber es ist nicht der Platz alleine, der den Unterschied macht, und auch nicht die himmlische Ruhe in der Hektik der Großstadt, die nur dann gestört wird, wenn sich der Range Extender zuschaltet oder der Fahrer durch die Wechselsprechanlage mit dem Smalltalk beginnt. Es sind vor allem die vielen pfiffigen Details, die Collins dem Auto mit auf den Weg gegeben hat: Das Panoramadach für den besseren Blick auf St. Pauls Cathedral oder Lord Nelson auf dem Trafalger Square ist buchstäblich offensichtlich. Aber über die sechs USB-Anschlüsse, die 220 Volt-Steckdose fürs Laptop, das halbe Dutzend LED-Fluter an der Decke oder das kostenlose WLAN-Netz stolpert man wie über Ostereier im Garten. Und spätestens, wenn der Fahrer die Rampe aus dem Wagenboden zieht, über die Rollis problemlos durch die breite Seitentüre fahren können, wird das London Cab gar vollends zum Schweizer Messer unter den Autos – für jede Gelegenheit gerüstet.

Den größten Clou des schwarzen Riesen mit der grünen Seele erlebt man allerdings gleich beim Einsteigen. Denn wie sonst nur bei Rolls-Royce sind die Türen beim neuen London-Taxi entgegen der Fahrtrichtung angeschlagen. „So kommt man für ein paar Pfund nicht nur sauber, sicher und bequem durch die Stadt“, freut sich Taxifahrer Pad. „Man kann sich zumindest für ein paar Minuten mal so fühlen, als würde man einmal im Leben in einen Phantom oder Ghost steigen und das Taxi wird zum Rolls-Royce des kleinen Mannes.“ Nur mit dem saubereren Antrieb. (Benjamin Bessinger/SP-X)

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