Fahrbericht: Ford Mustang Mach-E

Der Ausdauersportler

Der Mustang Mach-E ist Fords erstes, ernstzunehmendes Elektroauto. Doch er trägt eine schwere Bürde mit sich, darf er doch stolz das galoppierende Pferd am Bug tragen, das seit jeher den amerikanischen Sportwagen verkörpert. Kann der Elektro-Mustang dem gerecht werden? Und muss er das überhaupt? Fragen, die wir bei einer ausführlichen Ausfahrt klären konnten.

07.04.2021 – Säuberlich aufgereiht steht die Gruppe Mustangs vor dem Steigenberger-Luxushotel am neuen Berliner Willy-Brandt-Flughafen. Im Gegensatz zu den namensgebenden, amerikanischen Wildpferden geben sich die über alle vier Hufe, Pardon, Räder angetriebenen Elektro-SUVs noch völlig handzahm. Dank der großen Batterie mit nutzbaren 88 Kilowattstunden sollen sie ausdauernd obendrein sein. Immerhin verspricht Ford 540 Kilometer Reichweite gemäß der WLTP-Norm. Wer auf den Frontmotor verzichten kann, soll sogar mit 610-WLTP-Kilometern belohnt werden können. Schauen wir mal, ob der Spagat aus sportlichem, wilden Ritt und Ausdauertour mit dem Mach-E gelingen kann.

Beim Design unverkennbar ein Mustang

Auch wenn der Mustang Mach-E mit 1,63 Meter deutlich höher als der gleichnamige Sportwagen ausfällt, ist es den Designern gelungen, das SUV flach und sportlich erscheinen zu lassen – besonders von schräg vorne. Die Scheinwerfer erinnern ebenso an die legendäre Designvorlage wie das galoppierende Pferd im geschlossenen – nun ja – Kühlergrill. Unter der langen Fronthaube verbirgt sich ein großer, praktischer Frunk (81 Liter). Auch seitlich wirkt der Mach-E schön gestreckt, der lange Radstand schafft Platz für die aus 376 Zellen zusammengesetzte Batterie. Die Dachlinie fällt optisch und aerodynamisch vorteilhaft langsam ab, reduziert jedoch auch das maximale Ladevolumen auf eher mittelmäßige 1.420 Liter. Zum Vergleich: Ein etwa gleich langer Škoda Enyaq iV lässt Ladegut bis 1.710 Liter hinter der Heckklappe verschwinden.

Doch der kann nicht mit dem Mustang-typischen Hüftschwung dienen, den die Blechbieger bei Ford dem Mach-E in die hinteren Kotflügel gepresst haben. Etwas abrupt endet dann das kurze, knackige Heck mit den dreigeteilten Rückleuchten, die ebenfalls zur Mustang-Folklore gehören. Die Ford-Pflaume sucht man übrigens innen wie außen vergebens.

Ford verzichtet beim Mustang Mach-E auf klassische Türgriffe. Stattdessen kann man ihn entweder per Smartphone oder per Knopfdruck auf der B-Säule öffnen. Zusätzlich gibt es ein geschickt verstecktes Tastenfeld, wodurch der Stromer per Code-Eingabe geöffnet werden kann – auch, wenn man weder Schlüssel noch Smartphone dabei hat. Diese Funktion gehört tatsächlich zu amerikanischen Autos wie die Cola ins Big-Mac-Menü, wirkt in Europa aber noch etwas befremdlich. Sei’s drum. Die Karosserie des Mustangs macht jedenfalls was her und das Metallicrot des Testwagens lässt das SUV zumindest optisch noch mehr in Richtung Sportwagen rücken.

Der Innenraum: eher SUV als Sportwagen

Ob das Fahrverhalten mit der Optik mithalten kann, lässt sich natürlich nur hinter dem Lenkrad herausfinden. Nachdem man hinter dem Volant Platz genommen hat, staunt man zunächst über den riesigen, 15,5 Zoll großen, vertikal orientierten Touchscreen. Wow, hier wurde nicht gekleckert. Durch die Größe lassen sich die einzelnen Tasten gut bedienen, die Menüführung ist jedoch etwas verschachtelt und erfordert ein wenig Eingewöhnung. Einstellmöglichkeiten gibt es noch und nöcher, sodass man den Mustang Mach-E problemlos nach seinen eigenen Wünschen konfigurieren kann. Praktisch: Für die Lautstärkeregelung wurde ein großer Drehsteller auf dem Display befestigt.

Das 10,2-Zoll-Fahrerdisplay fällt dagegen etwas ab und wirkt fast schon winzig. Es ist sehr reduziert und zeigt wirklich nur die wichtigsten Informationen an. Es soll womöglich nicht so stark vom Fahren ablenken.

Die Sitzposition ist im Elektro-SUV alles andere als sportlich. Man sitzt relativ hoch und die ami-typisch etwas knautschigen Sitze bieten viel zu wenig Seitenhalt. Sportlichkeit soll auch durch das etwas zu dick geratene Lenkrad suggeriert werden. Die SUV-Fans wiederum freuen sich über die gute Übersicht und den hohen Komfort, den die weichen Sitze mit sich bringen. Luftig ist es im Mach-E ebenfalls, auf allen Plätzen gibt es viel Platz für Kopf und Beine.

Den Drehregler für die Gangwahl auf D gestellt und schon setzt sich der Mustang besonnen aber unspektakulär in Bewegung. Ein Cowboy oder –girl dürfte beim Einreiten eines Broncos, wie ungezähmte Mustangs genannt werden, deutlich mehr Schwierigkeiten haben.

Zunächst einmal verlassen wir das wie ausgestorben wirkende Flughafenareal des BER. Über vierspurige Bundesstraßen geht es hinaus ins Brandenburger Hinterland. Einige Ampeln geben einem die Gelegenheit, den Nullhundert-Sprint StVO-konform zu absolvieren.

Dem Wettrüsten eine Absage erteilt

Der Mustang Mach-E AWD Extended Range ist bis zum Erscheinen des rund 340 kW starken GT-Modells das Topmodell der Baureihe. Mit 258 Kilowatt und 580 Newtonmetern schieben die beiden E-Motoren den rund 2,2 Tonnen schweren Mustang in 5,8 Sekunden auf 100 Stundenkilometer. Zweifellos ein guter Wert, der jedoch in der leistungsverwöhnten E-Auto-Welt auch niemanden mehr vom Hocker reißt. Mehr braucht es aber auch nicht und auch die 7,0 Sekunden der hinterradangetriebenen Extended-Range-Version reichen für den Alltag völlig aus, doch überzeugte Sportfahrer werden den Aha-Effekt vermissen, mit denen die Modelle von Tesla oder Polestar dienen können.

Lässt man es etwas entspannter angehen, zeigt sich der Mustang wieder von seiner komfortablen Seite. Die Assistenzsysteme machen zuverlässig ihren Job, ohne zu aufdringlich oder gar störend zu werden, und halten den Mustang präzise in der Bahn, den Abstand zum Vorausfahrenden und automatisch das erlaubte Tempolimit ein.

Variantenübersicht Ford Mustang Mach-E
Standard Range RWD Standard Range AWD Extended Range RWD Extended Range AWD
Batterie (brutto/netto): 75,7 kWh/68 kWh 75,7 kWh/68 kWh 98,7 kWh/88 kWh 98,7 kWh/88 kWh
Reichweite (WLTP): 440 km 400 km 610 km 540 km
Leistung: 198 kW 198 kW 216 kW 258 kW
Drehmoment: 430 Nm 580 Nm 430 Nm 580 Nm
Beschleunigung (0-100 km/h): 6,9 s 6,3 s 7,0 s 5,8 s
max. Ladeleistung: 115 kW 115 kW 150 kW 150 kW
Preis DE: ab 46.900 € ab 54.750 € ab 54.750 € ab 63.700 €
Preis AT: ab 48.900 € ab 55.000 € ab 55.600 € ab 63.700 €

Ja, er macht wirklich Spaß

Auf dem Rückweg zum BER geht es über kurvenreiche Landstraßen, auf denen der Mach-E noch einmal zeigen kann, was in ihm steckt. Das nahe an der Perfektion abgestimmte Fahrwerk ist ein idealer Kompromiss aus gediegenem Komfort und satter Straßenlage und ermöglicht eine präzise Kurvenführung. Im Sportmodus „Entfesselt“ wird auch ein Torque Vectoring zugelassen, wodurch sich das SUV behände um enge Kurven steuern lässt. Da kommt echte Freude auf, der Mustang Mach-E macht wirklich Spaß.

Auch auf der Autobahn weiß der positive Eindruck nicht abzuflachen. Der Verbrauch pendelt sich bei leicht über 20 kWh/100 km ein, was Autobahnreichweiten von deutlich über 400 Kilometern ermöglichen sollte. Der Mustang Mach-E hat daher durchaus das Zeug zum Ausdauersportler, was wir hoffentlich bald bei einem ausführlichen Test überprüfen können. Und gerade auf der Autobahn wissen die Assistenzsysteme und die unsportlichen, aber bequemen Sitze zu gefallen und laden förmlich zu langen Roadtrips ein.

Die Ladeleistung lässt genügend Zeit für ein oder zwei Kaffees

Bei der Schnellladung mit maximal 150 kW liegt der Ford nicht ganz an der Spitze des derzeit Möglichen, zumal der Ladevorgang von 10 auf 80 Prozent eine Dreiviertelstunde dauern soll, was einer durchschnittlichen Ladeleistung von ca. 82 kW entspricht. Aber vielleicht kann man nach einer langen, ersten Etappe auch eine etwas längere Ladepause gut verkraften.

Am Ende der über 150 Kilometer langen und überwiegend auf Landstraßen bei frühlingshaften Temperaturen zurückgelegten Tour stehen rund 21 kWh/100 km in der Verbrauchsanzeige. Eine genaue Verbrauchsangabe kann übrigens nicht ermittelt werden, da Ford aus unerfindlichen Gründen keine Nachkommastelle angibt. Wer sich jedoch etwas zurückhält, schafft auch deutlich weniger. Damit hat der Mach-E dem Pendant mit Verbrennungsmotor die vielleicht wichtigste Eigenschaft voraus: Genügsamkeit.

Fazit: Kein Sportwagen, aber ein sportliches SUV

Wer als eingefleischter Mustang-Fan gehofft hat, dass der Mach-E ein echter Sportwagen ist, wird von der Elektroversion enttäuscht sein. Diesem Anspruch kann der Mach-E nicht gerecht werden. Doch er hat viele weitere Vorzüge, unabhängig von dem Nimbus, den das Auto verkörpern muss.

Im Innenraum gibt es viel Platz für die Passagiere, der Frunk schluckt mehr als nur das Ladekabel, die Assistenzsysteme und die Bedienung des Zentraldisplays sind auf der Höhe der Zeit. Am Fahrkomfort und dem Verbrauch gibt es ebenfalls nichts auszusetzen und mit seiner Kurvendynamik gehört er zu den sportlichsten SUVs in diesem Segment. Damit hat der Mustang Mach-E das Zeug zu einem formidablen Langstreckenwagen, der auch auf kurvigem Geläuf eine gute Figur macht.

Text: Marcus Zacher /  Fotos: Marcus Zacher, Ford

Technische Daten
Fahrzeugbezeichnung: Ford Mustang Mach-E Extended Range AWD
Fahrzeugbeschreibung: fünftüriges, fünfsitziges Mittelklasse-SUV
ANTRIEB
Bauart: je 1 permanenterregte Synchronmaschine an VA und HA, Allradantrieb
Leistung: 258 kW
Drehmoment: 580 Nm
BATTERIE & LADESTANDARD
Energieinhalt (brutto/netto): 98,7 kWh/88 kWh
Batteriegarantie: 8 Jahre oder 160.000 Kilometer
Garantierte Batteriekapazität: 70 %
Wärmemanagement: Flüssig-Thermalmanagement
Ladestandard AC: Typ 2 11 kW 3p
Ladestandard DC: CCS 150 kW
Ladezeit AC 2,3-kW-Ladestation (Schuko) 10-80 %: ca. 36 h
Ladezeit AC 3,7-kW-Ladestation 10-80 %: ca. 22 h
Ladezeit AC 11-kW-Ladestation 10-80 %: ca. 7 h 15 min
Ladezeit AC 22-kW-Ladestation 10-80 %: ca. 7 h 15 min
Ladezeit DC 50-kW-Ladestation 10-80 %: ca. 1 h 20 min
Ladezeit DC 150-kW-Ladestation 10-80 %: ca. 45 min
Ladezeit DC 350-kW-Ladestation 10-80 %: ca. 45 min
FAHRLEISTUNGEN
Höchstgeschwindigkeit: 180 km/h
Beschleunigung (0-100 km/h): 5,8 s
REICHWEITE & VERBRAUCH
NEFZ: N/A
EPA: 435 km
WLTP: 540 km
Verbrauch (WLTP): 18,7 kWh/100 km
ABMESSUNGEN & GEWICHT
Länge x Breite (ohne Spiegel) x Höhe: 4,713 m x 1,881 m x 1,625 m
Breite (mit Spiegel): 2,097 m
Radstand: 2,984 m
Gepäckraum: 402-1.420 l
Frunk: 81 l
Leergewicht: 2.182 kg
Anhängelast (gebremst/ungebremst: 750 kg/750 kg
cW-Wert: N/A
cW x A: N/A
PREIS & VERFÜGBARKEIT
Deutschland: ab 63.700 €
Österreich: ab 64.200 €
  1. panib sagt:

    “Beim Design unverkennbar ein Mustang” ? Wenn dieses Auto auch nur im entferntesten Ähnlichkeit mit ´DEM´ Mustang hat, sieht ein Airbus A380 ähnlich aus, wie das Empire State Building.
    Der Mustang hat seit seinem ersten Erscheinen in den 60er Jahren seine Grundform bewahrt. Diese Auto ´Mustang´ zu nennen, ist nicht nur peinlich, sondern schon fast eine Frechheit.
    Sehr schade.

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