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EAM 01/2026 – Februar/März
Jaguar legt seine Zukunft auf Eis – und testet sie zugleich unter Extrembedingungen: Am Polarkreis läuft sich der Hoffnungsträger der Briten warm. Hier entscheidet sich, ob der neue elektrische Gran Turismo mehr ist als ein mutiger Neuanfang – und ob er Jaguar tatsächlich zurück in die erste Reihe der Luxusmarken führen kann.
Arjeplog im Winter ist so etwas wie ein Ameisenhaufen der Automobilindustrie in der Tiefkühlkammer. Knapp unterhalb des Polarkreises kommen Entwickler aus aller Herren Länder hierher, um ihre Prototypen ein bis drei Jahre vor der Markteinführung bei Temperaturen von bis zu −30 Grad auf den zugefrorenen Seen zu testen.
Auf dem Supermarktparkplatz in der Stadtmitte sieht man daher mehr Erlkönige als im Sommer um den Nürburgring. Die Tankstelle wird zum Hotspot der Autozukunft, und jeder zweite Waldweg endet vor den Zäunen eines geheimen Testgeländes. Überall herrscht Hochbetrieb.
Nur bei Jaguar war es zuletzt gespenstisch ruhig. Die Briten erfinden sich derzeit neu und haben dazu ihre Zukunft vorübergehend auf Eis gelegt. Seit einem Jahr werden keine Autos mehr produziert, und die Händler dürften inzwischen auch die letzten Bestandsfahrzeuge verkauft haben.
Doch in diesem Winter herrscht wieder hektische Betriebsamkeit. Auf Handlingkursen, Kreisbahnen, ABS-Geraden und Steigungshügeln wird intensiv getestet. Denn noch in diesem Sommer soll der neue elektrische GT präsentiert werden, auf dem so viele Hoffnungen ruhen. Rund 150 Prototypen sind dafür im Einsatz – viele davon hier rund um den Polarkreis.
In einem dieser Erlkönige sitzt Navid Shamshiri und zählt die technischen Eckdaten auf: Drei Elektromotoren – einer vorn, zwei hinten – liefern zusammen mehr als 770 kW und über 1.300 Nm. Der Sprint auf 100 km/h dauert kaum mehr als drei Sekunden. Bei 250 km/h wird elektronisch abgeregelt. Für die Reichweite sorgt ein 800‑Volt‑Akku mit 120 kWh, der nach bis zu 700 Norm‑Kilometern mit bis zu 350 kW geladen werden kann.
Während der Hüter der Markenwerte den mit 5,20 Metern fast episch langen Prototypen durch enge Kehren über den Eisparcours treibt, spricht er vom Zeitensprung, den dieses Auto markieren soll. Design und Ambiente weisen klar nach vorn. Beim Fahrverhalten orientiert sich Jaguar jedoch an den eigenen Ikonen. Shamshiri nennt den XJS der 1970er als Referenz.
Seine Stichworte: souveräne Gelassenheit, Limousinenkomfort, Sportwagen‑Agilität und „Power in Reserve“ – also jederzeit verfügbare Kraft. Um das zu belegen, wechselt er sogar auf den Beifahrersitz und überlässt dem Autor das Steuer. Der Eindruck ist eindeutig: Der leise, mühelose Elektroantrieb verbindet sich mit einem leidenschaftlichen Fahrgefühl, das sich klar vom oft antiseptischen Charakter mancher Elektroautos absetzt – egal ob Tesla, Lucid oder die EQ‑Modelle von Mercedes.
Ihre Hausaufgaben hat das Entwicklungsteam jedenfalls gründlich gemacht. Auch bei hohem Tempo bleibt der Jaguar stoisch ruhig. Luftfederung und Allradlenkung wirken souverän abgestimmt. Auf dem Handlingkurs überrascht der Wagen mit Leichtigkeit, Präzision und einem spürbaren Engagement, das immer wieder zu einer weiteren Runde einlädt.
Auf der Kreisbahn erlaubt er sich zwar den einen oder anderen lasziven Heckschwung. Doch solange die Regelsysteme aktiv sind, bleibt der Jaguar kontrollierbar. Selbst auf spiegelblankem Eis lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen.
Dieses stoische Beharren gilt auch für die Mannschaft. Ja, die Studie und die woke Kampagne haben einen massiven Shitstorm ausgelöst. Und ja, auch in England weiß man, dass die Elektrifizierung langsamer vorankommt als erhofft – vor allem in der Luxusklasse. Trotzdem lautet das Mantra: „Unser Kurs steht.“ Jaguar verabschiedet sich nicht nur vom Verbrenner, sondern auch von vielem, was die Marke bisher ausmachte – Leaper‑Logo und Schriftzug inklusive. Mehr Reset geht kaum.
So offen die Ingenieure über Technik, Traktions‑ und Drehmomentverteilung oder den ultraflachen Aufbau sprechen, so zurückhaltend bleiben sie bei Design und Namen. Klar ist jedoch: Vieles von dem, was beim Type 00 bereits für Aufsehen sorgte, wird man wiederfinden.
Der neue elektrische Gran Turismo mit vier Türen soll rund 150.000 Euro kosten und sich zwischen Porsche Taycan, Lucid Air und Rolls‑Royce Spectre positionieren.
Die Proportionen bleiben extravagant: ein für E‑Autos ungewöhnlich langer Bug, ein geschlossener Kühler, vier gleißende LED‑Balken als Tagfahrlicht und mächtige Kühlrippen an der – fensterlosen! – Heckpartie.
Der Preis für diese Formensprache ist hoch. Nicht nur die Ingenieure mussten im arktischen Eis Unmögliches möglich machen. Auch die Kunden gehen Kompromisse ein. Die Kopffreiheit ist überraschend gut. Die Sitzposition passt zu einem Auto, das mehr zum Fahren als zum Ankommen gemacht ist.
Doch der Einstieg durch die schmalen Türen ist mühsam. Und so komfortabel die Sitzposition bei 3,20 Metern Radstand und clever integrierten Fußgaragen in der Batterie auch ist: Der elegante Abgang aus dem Fond will geübt sein. Funktion musste hier mehrfach der Form weichen.
In Arjeplog arbeitet das Team mit Hochdruck daran, dass zumindest der Fahrer Frieden mit der Zukunft der Marke schließt. Mit Erfolg. Am Ende des Tages steht der Prototyp vor einem künstlichen Tunnel an einem steilen Anstieg. Rechts Asphalt, links blankes Eis. Neben dem Fahrer gibt ein Ingenieur voller Zuversicht: „Go!“
Schon klettert der Erlkönig ohne Stottern und Schlingern die Rampe empor. Die Elektronik verteilt die Kraft der drei Maschinen so feinfühlig, dass die Steigung wie ein Spaziergang wirkt. Mühelos kämpft sich der Jaguar zurück ins Licht. Genau diese Fähigkeit wird er brauchen, wenn das Comeback der Briten gelingen soll.
Fotos: Jaguar
| Technische Daten | Jaguar Type 00 |
|---|---|
| Antriebsart: | Allradantrieb |
| Leistung: | > 770 kW |
| Drehmoment: | 1.300 Nm |
| 0–100 km/h: | ca. 3 s |
| Höchstgeschw.: | 250 km/h |
| Bordnetz: | 800 V |
| Batterie (brutto/netto): | 120 kWh/— |
| Reichweite (WLTP): | ca. 700 km |
| Ladeleistung DC: | 350 kW |
| Länge: | ca. 5,20 m |
| Radstand: | ca. 3,20 m |
| Verkaufsstart: | Q4/2026 |
| Preis: | ca. 150.000 € |
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