Das hohe C

Der Elektroroller von BMW: c Evolution.

Evolution ist ein langsamer Prozess. Einer, der Geduld und – im Fall eines neuen Mobilitätskonzeptes – auch eine Menge Geld erfordert. So gesehen passt es gut, dass BMW seinen Elektroroller nicht „C Revolution“ getauft, sondern auf das R verzichtet hat. Auch wenn das dezent-futuristische Zweirad durchaus revolutionäres Potenzial zwischen seinen 15-Zoll-Rädern verbirgt, ist es nämlich kein Schnellschuss. Vor allem in der 2017er-Ausführung, die auf dem Pariser Autosalon debütierte und ab März zu haben ist, zeigt sich seine langfristige Aufgabenstellung.

Der „Cevo“, wie der E-Scooter von seinen Besitzern genannt wird, ist für BMW so etwas wie ein Optionsschein. Eine Investition in die Zukunft, ein Weg in die alternative Mobilität, der bei jedem Controller aus der Finanzabteilung Schweißausbrüche und Herzrasen auslöst. Profit, Gewinnmarge, Ertrag? Danach darf man angesichts der überschaubaren Stückzahlen des BMW C evolution nicht fragen. Noch nicht. Das Strom-Zweirad entzieht sich zumindest mittelfristig leise sirrend den Alltagsnöten klassischer Cashcows in der Modellpalette der Münchner. Es ist sozusagen in einem höheren Auftrag unterwegs und soll der staunenden Welt zeigen, was heutzutage schon so alles möglich ist. Und wohin die Reise in die Zukunft geht.

Aller Anfang ist schwer
136.936 Zweiräder hat BMW Motorrad im letzten Jahr weltweit verkauft. Exakt 957 davon waren C evolution. Nur so zum Vergleich: Der Bestseller im BMW-Programm, die unverwüstliche R 1200 GS, verkaufte sich letztes Jahr exakt 23.681 Mal. Ist das Abschneiden des C evolution also als eher bescheiden zu werten? Zahlenmäßig und ökonomisch schon. Aber in Sachen Strahlkraft und Außenwirkung sind die wenigen an die elektrisierte Kundschaft ausgelieferten Exemplare durchaus ein Erfolg. Die Branche wertet die Verkaufszahlen jedenfalls als Achtungserfolg.

Auch diese Einschätzung muss man bei einem so ungewöhnlichen wie seltenen Gefährt wie dem „Cevo“ genauer erklären. Etwa über den Preis. Der ist nämlich objektiv betrachtet horrend. 15.000 Euro für einen Zweisitzer mit eher wenig Stauraum, der nach rund 100 Kilometern wieder an die Steckdose muss – eine wirklich mutige Ansage. Zum Vergleich: Der neue Einsteiger BMW namens G 310 R mit einer Leistung von 25 kW/34 PS, der mit einer Füllung des Elf-Liter-Tanks locker 300 Kilometer abspult, kostet gerade mal 4.750 Euro. Anders ausgedrückt: Für den Preis eines C evolution bekommt man drei G 310 R – und hat noch das Geld für rund 500 Liter Super übrig. So gesehen sind die 957 verkauften Exemplare wirklich ein Beweis dafür, dass BMW „mit diesem ersten Schritt in die Elektromobilität den richtigen Ansatz gewählt hat“, wie Stephan Schaller, Chef der weiß-blauen Zweiradsparte, bereits bei der 2014er-Bilanz erklärt hatte. Im Mai des vorvergangenen Jahres startete der Verkauf des C evolution, knapp 550 Stück surrten in den ersten acht Monaten aus den Verkaufsräumen. Im Juli dieses Jahres wurde die 2000er-Marke überschritten.

Die neuen Akkus aus dem i3
In den einschlägigen Foren wurde schon seit Monaten gerätselt: Belässt es BMW bei den bisherigen Akkus im „Cevo“ oder gibt es ein Update? Zweiteres lag nahe, weil sich der Roller der Akku-Technik des kompakten i3 bedient – und dieser gerade auf Batterien mit einer Zellkapazität von 94 statt bisher 60 Amperestunden umgestellt wurde, die seine Reichweite kräftig erweitern. BMW nutzt die neuen Energiespeicher im C evolution zu einer Doppellösung: Es gibt künftig eine nur in Europa angebotene, Führerschein-A1-konforme Version, deren E-Motor im Dauerbetrieb 11 kW/15 PS leistet, kurzfristig ist sogar eine Leistungsspitze von 35 kW/48 PS möglich. Die (abgeregelte) Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h und die Reichweite von rund 100 Kilometern entsprechen dem noch aktuellen Modell, mehr ist wegen der Leistungsdrossel aus physikalischen Gründen nicht möglich. „Long Range“ nennt sich die etwas stärkere Version mit 19 kW/26 PS, die erst bei 129 km/h elektronisch eingebremst wird und ebenfalls eine Peak-Leistung von 35 kW/48 PS ans Hinterrad liefert. Wichtiger als die paar Mehr-PS ist aber die Reichweite von 160 Kilometern. Die sorgt für mehr Alltagstauglichkeit und einen entspannteren Blick auf die Batterieanzeige.

Das Lob überwiegt deutlich
Wer fährt eigentlich so ein teures und ungewöhnliches Gerät wie den BMW C evolution? Zweirad-Wiedereinsteiger sind in dem exklusiven Zirkel stark vertreten, dazu Strom-Fans, die bereits ein E-Auto oder zumindest einen Hybrid fahren. Jung ist der durchschnittliche „Cevo“-Eigner nicht, das wundert angesichts des Preises nicht. Meist wird das E-Zweirad zum Pendeln in die Arbeit und für Wochenendausflüge in der näheren Umgebung genutzt. Konkrete Kritik gibt es am eher unbequemen Seriensattel und an einem häufig auftretenden, lästigen Sirren bei niedrigem Tempo. Doch das Lob überwiegt bei Weitem. Vor allem die Laufruhe, die phänomenale Beschleunigung, die niedrigen Unterhaltskosten und das Dauerstaunen der Mitmenschen angesichts des flinken Scooters sorgen für große Zufriedenheit mit der hohen Investition.

Bisher wird der C evolution in Deutschland, Österreich, der Schweiz, neun weiteren europäischen Ländern und China angeboten. Die neue Generation soll ab dem kommenden März auch Zweirad-Fans in den USA, Japan, Südkorea und Russland überzeugen. Frankreich ist aktuell der Hauptmarkt des E-Rollers, auch das ist nicht wirklich überraschend für alle, die schon einmal live das Scooter-Gebolze auf der Peripherie oder den chronisch verstopften Boulevards der französischen Hauptstadt erlebt haben. Von 0 auf 50 km/h in 2,9 Sekunden! Ein Dreh am Stromgriff, weg ist der Dreivierteltonner auf zwei Rädern: eine Charakteristik, wie gemacht für den täglichen urbanen Infight in der Rushhour unserer Metropolen.
Und wie geht es bei BMW weiter mit Stromern auf zwei Rädern? Die nächste Evolutionsstufe, die bereits Ende 2015 in Form einer supersportlichen E-Motorrad-Studie vorgestellt wurde, landet erst mal in der Abstellkammer: Das Projekt wurde zugunsten anderer zukunftsfähiger Innovationen zurückgestellt, heißt es bei den Münchnern. Sie wollen sich bei der Einspur-Elektromobilität auf den urbanen Bereich mit Scootern konzentrieren. Vielleicht kommt dabei ja ein C revolution raus … (Rudolf Huber)

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