Chevrolet Bolt: Elektrisierendes Vorspiel

Das Elektroauto drängt aus der Nische: Was Tesla in der Oberklasse vorgemacht hat, will Chevrolet mit dem Bolt im Massenmarkt kopieren. Und Opel reibt sich die Hände.

200 Meilen oder umgerechnet 320 Kilometer – wer auf die Reichweitenanzeige des neuen Chevrolet Bolt schaut, reibt sich verwundert die Augen. Denn in Zeiten, in denen ein E-Golf gerade mal 190 Kilometer schafft und einem Nissan Leaf nach 250 Kilometern der Saft ausgeht, hätte man einem elektrischen Kleinwagen so einen Aktionsradius gar nicht zugetraut.

Doch der Bolt ist nicht irgendein Stromer, sagt GM-Chefin Mary Barra. Sondern sie nennt den 4,17 Meter langen Fünfsitzer das erste Akku-Auto einer neuen Generation. „Viele Firmen reden darüber“, sagt Barra, „aber wir lassen den Worten jetzt Taten folgen.“ Damit komme die Elektromobilität endlich im Alltag. Nicht umsonst habe der Bolt neben einer alltagstauglicher Reichweite und praxisgerechter Ladezeiten von bestenfalls einer Stunde für 80 Prozent auch einen marktfähigen Preis. Nach Abzug der staatlichen Förderungen soll er etwa 30 000 Dollar kosten, sagt Barra und bleibt damit deutlich unter den 33 800 Dollar, die der Amerikaner aktuell im Schnitt für einen Neuwagen ausgibt.

So dürfte der Bolt nicht nur den wenigen aktuellen Elektroautos in dieser Klasse das Leben schwer machen. Sondern er wird auch zu einer harten Nuss für das Tesla Modell 3, mit dem Elon Musk in zwei Jahren den Massenmarkt erobern möchte. Erst recht, weil Frau Barra natürlich in größeren Dimension denkt. Den Bolt wird es zwar ab dem Herbst erst einmal nur in den USA geben. Doch mit dem gleichen Grundgerüst baut Opel sein erstes designiertes Elektroauto, das ab 2017 in Europa für ähnlich viel Wirbel sorgen dürfte.

Auf einer komplett neuen, rund um den aus 288 Zellen in 96 Gruppen geformten Flachbau-Akku mit einer Kapazität von 60 kWh konstruiert, sieht der Bolt aus wie eine Mischung aus Mercedes B-Klasse und BMW i3. Und das gilt nicht nur für das Design mit dem schnittigen Bug, dem hohen Dach und dem eigenwilligen Schmiss in der D-Säule. Sondern auch sein Konzept ist so etwas wie der größte gemeinsame Nenner dieser beiden Extreme.

Auf der einen Seite will der Bolt einfach nur ein geräumiger, bequemer und alltagstauglicher Kompakter sein wie eben der kleine Mercedes. Nicht umsonst haben die Ingenieure den flachen Wagenboden für betont tiefe Türausschnitte genutzt, so dass man bequemer einsteigen kann. Sie haben für die Beinfreiheit im Fond vorn extra dünne und trotzdem bequeme Sitze eingebaut und der Kofferraum ist deutlich größer als bei Konkurrenten wie dem Honda Jazz oder dem BMW i3. Und auf der anderen Seite ist er – abgesehen von der Karbonkarosse natürlich – so konsequent auf den Elektroantrieb ausgelegt wie der Vorzeige-Bayer. Nur dass er technologisch ein paar Jahre weiter ist, mehr Akkupower hat und deshalb weiter fahren kann.

320 Kilometer – ganz so lang ist die Runde nicht, die Chevrolet kurz nach der Weltpremiere für eine erste Testfahrt ausgesteckt hat. Doch schon die paar Meilen auf einem abgesperrten Parkplatz machen deutlich, dass der Bolt keine Spaßbremse ist, die zäh wie Kaugummi fährt und der jenseits des Ortschilds die Luft ausgeht. Kein Wunder: Die E-Maschine leistet schließlich 200 PS, zerrt mit bis zu 360 Nm an den Vorderrädern und hat selbst mit den stattlichen 1,6 Tonnen leichtes Spiel. Und dass mit dem flachen Akkupaket im Wagenboden der Schwerpunkt sinkt, ist auch kein Schaden. Genauso wenig die wie 25 Prozent mehr Steifigkeit, die mit der neuen E-Plattform einher gehen: Obwohl die Prototypen erst zu 80 Prozent Serienstand haben, wirkt der Bolt deshalb bereits sehr reif und steif.

Wie ernst es den Amerikanern mit der Fahrfreude ist, zeigt eine für Elektroautos eher ungewöhnliche Taste im ansonsten ziemlich cleanen Cockpit: „Sport“ steht darauf, und wer sie drückt, kann tatsächlich was erleben. Dann startet der Bolt mit quietschenden Reifen, sprintet mit dem Temperament eines GTI davon, hat nach sieben Sekunden 100 Sachen auf dem digitalen Tacho und wird so schnell, dass der Ingenieur auf dem Beifahrersitz zur Zurückhaltung mahnt. Würde ihn die Elektronik nicht bei 145 km/h einbremsen, könnte der Bolt durchaus auch notorische Schnellfahrer elektrisieren.

Aber weil es beim Elektroauto nicht ums Rasen sondern um die Reichweite geht, hat das GM-Team genauso viel Hirnschmalz für das regenerative Bremsen verbraten. Statt mit dem Fuß die konventionelle Bremse zu treten, kann man deshalb auch einen Hebel am Lenkrad ziehen, den Motor zum Generator machen und förmlich zusehen, wie die Rekuperation wieder den Akku füllt. Oder man wechselt gleich in den L-Modus und fährt den Bolt nur noch mit einem Pedal. Denn sobald man dann den Gasfuß lupft, verzögert der Kleinwagen merklich und bleibt nach ein paar Metern eisern stehen. Das von Automatikfahrzeugen bekannte Kriechen haben ihm die Ingenieure abgewöhnt und halten ihn bis zu fünf Minuten fest.

Nicht minder stolz als auf den Antrieb sind die Amerikaner auf das Infotainment. Schon das digitale Cockpit schmückt den Kleinwagen und passt zum modernen Anspruch. Aber das buchstäbliche Glanzstück ist das 10,3 Zoll große Display in der Mittelkonsole, auf dem man den Energiefluss beobachten, situationsgerechte Fahrtrouten auswählen und mit Stromspartipps die Reichweite optimieren kann.

Außerdem laufen auf ihm neben Android Auto und Apple Car Play auch eine App zum ökologischen Kräftemessen mit anderen Bolt-Fahrer sowie mittelfristig ein weiteres Dienstprogramm, mit dem das Handy zum Türöffner wird und der Bolt in Carsharing-Flotten integriert werden kann.

Zwar haben die Entwickler beim Bolt vor allem nach vorn geschaut. Doch in einem Detail haben sie den Blick auch noch einmal nach hinten gerichtet: Beim Rückspiel. Denn die traditionelle Glasplatte macht Platz für einen Monitor, auf dem jetzt auch im Vorwärtsgang das Bild der Rückfahrkamera läuft.

Fazit: Auf diesen Chevy darf sich Opel mal freuen. Denn die Substanz ist klasse. Und wenn die Hessen selbst ohne staatliche Förderung den Preis niedrig halten, könnte der elektrische Blitz auch bei uns einschlagen. Der e-Golf jedenfalls sieht dann ganz schön alt aus, und der BMW i3 gar nicht mehr so modern. (Thomas Geiger)

Technische Daten Chevrolet Bolt
Motor: Elektroantrieb, 150 kW/200 PS, 360 Nm
Verbrauch: 4,9 L/130 g/km
Tempo: 0-100 in 7 s/Vmax 145 km/h
L/B/H: 4166/1765/1594 mm
Kofferraum: 478 l
Gewicht: 1625 kg
Preis : US-Preis nah Förderung knapp 30 000 Dollar

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